﻿{"id":2652,"date":"2022-01-21T14:04:08","date_gmt":"2022-01-21T13:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.boniface-institute.com\/?p=2652"},"modified":"2022-01-31T16:48:44","modified_gmt":"2022-01-31T15:48:44","slug":"katholischer-widerstand-drei-lehren-aus-der-tschechoslowakei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.boniface-institute.com\/de\/katholischer-widerstand-drei-lehren-aus-der-tschechoslowakei\/","title":{"rendered":"Katholischer Widerstand: Drei Lehren aus der Tschechoslowakei"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass sich Katholiken im Widerstand gegen eine ihnen feindlich gesinnte Macht befinden, ist nichts Neues. Die vergangenen 2000 Jahre sind voll von Beispielen. M\u00f6chte man von ihnen f\u00fcr unsere heutige Lage lernen, so fallen zahlreiche Unterschiede auf. Es ist daher unm\u00f6glich, ein historisches Beispiel zu finden, das sich als Blaupause verwenden lie\u00dfe. Jedoch kann man sich inspirieren lassen, konstruktive Ideen sammeln und aus Fehlern lernen. Ein Vorbild ist etwa der Widerstand der Katholiken in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (\u010cSSR) von 1948 bis 1990.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Historischer Hintergrund<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Tschechoslowakei bestand als Staat nur zwischen 1918 und 1992, mit kurzer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg. Vor 1918 waren sie Teil der \u00d6sterreichisch-Ungarischen Monarchie und 1993 trennte man sich in die bis heute bestehenden Staaten Tschechien und Slowakei. Beide Gebiete wurden am Ende des Zweiten Weltkrieges von der Roten Armee besetzt. Die Kommunisten \u00fcbernahmen die Macht und mit dem Februarumsturz von 1948 entstand die Tschechoslowakei neu, diesmal als kommunistischer Staat und Teil des Ostblocks.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgehend wurde die Kirche zum Feind deklariert. Im Juni 1948 gab Kommunistischen Partei die Losung aus: \u201eWeg von Rom, hin zur Nationalkirche\u201c. Im April 1949 sagte der erste kommunistische Staatspr\u00e4sident Klement Gottwald: \u201eWir m\u00fcssen in der Kirche einen Feind sehen. Wir d\u00fcrfen in diesem Fall die Nerven nicht verlieren und wir werden den Kampf f\u00fchren, und zwar auf eine Weise, so dass die Taktik von uns angegeben wird, nicht von ihnen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Kampf wurde auf zweifache Weise gef\u00fchrt: Einerseits versuchte man durch eine pro-kommunistische Bewegung unter dem irref\u00fchrenden Namen \u201eKatholische Aktion\u201c m\u00f6glichst viele Katholiken f\u00fcr den Kommunismus zu gewinnen. Noch im Gr\u00fcndungsjahr 1949 exkommunizierte der Vatikan die Mitglieder dieser neuen Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unterdr\u00fcckung der Kirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits wurde die Kirche nach stalinistischem Vorbild verfolgt: Den Auftakt machte 1950 die \u201eAktion Kloster\u201c. In drei Phasen wurden alle Kl\u00f6ster im Land geschlossen und fast alle Bisch\u00f6fe, Priester, M\u00f6nche und Nonnen verhaftet, in Schauprozessen verurteilt und interniert. 8.264 Ordensangeh\u00f6rige mussten insgesamt 42.736 Jahre Gef\u00e4ngnis oder Internierung verb\u00fc\u00dfen. Gegen drei Geistliche wurde die Todesstrafe verh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem wurde die Kirche enteignet, katholische Publikationen verboten, katholische Schulen geschlossen, der p\u00e4pstliche Nuntius aus Prag ausgewiesen, die bestehenden offiziellen kirchlichen Stellen wurden staatlich \u00fcberwacht, deren Priester als Angestellte des Staates ohne eigene Entscheidungsgewalt begriffen. Mehrere hunderte Priester sollen f\u00fcr die Geheimpolizei StB als Agenten bzw. Informanten gearbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vatikan reagierte, indem er die Gr\u00fcndung einer \u201eUntergrundkirche\u201c unterst\u00fctzte und vergab die Vollmacht, Bischofsweihen im Geheimen durchf\u00fchren zu d\u00fcrfen. Anfang der 1960er Jahre gab es zwar eine erneute Verhaftungswelle, die die Untergrundkirche traf, aber bis 1990 ist es den Kommunisten nie gelungen, ihr Wirken vollst\u00e4ndig auszul\u00f6schen. Zwar wurden in der Zwischenzeit im Zuge einer Amnestie viele Priester aus der Haft entlassen, jedoch verbot man ihnen, in ihre Pfarreien zur\u00fcckzukehren und ihre Berufung \u00f6ffentlich auszu\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der milit\u00e4rischen Niederschlagung des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c 1968 durch die UdSSR geriet die Kirche unter erneuten Druck: Es kam wieder zu Prozessen gegen Ordensmitglieder, 1971 wurde eine weitere Priestervereinigung gegr\u00fcndet, mit der die Kommunisten versuchten, die Kirche zu vereinnahmen. Diesmal reagierte der Vatikan erst 1982, als er die Mitgliedschaft in dieser Vereinigung verbot.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz allem war der Widerstandsgeist aus der Flasche: 1977 ver\u00f6ffentlichten zahlreiche Schriftsteller, Politiker und K\u00fcnstler die Charta 77, eine Protestnote gegen die kommunistische Regierung. Trotz der harten Reaktionen der Kommunisten war die Charta eine Ermutigung f\u00fcr die Dissidenten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Wahrheit leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Initiatoren und Sprecher der Charta 77 war der Schriftsteller und sp\u00e4tere erste Pr\u00e4sident der Tschechischen Republik V\u00e1clav Havel. 1978 publizierte Havel seine wegweisende Schrift \u201eVom Versuch, in der Wahrheit zu leben\u201c. Als Samisdat wurde das Buch unter der Hand in mehreren Staaten des Ostblocks verteilt. Havel flog als Autor auf und ging 1979 f\u00fcr viereinhalb Jahre ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Werk geht Havel der Frage nach, was der Einzelne im Totalitarismus tun kann und tun muss. Seine Antwort: Er muss versuchen, in der Wahrheit zu leben. Anders gesagt, er muss sich der L\u00fcge des Totalitarismus verweigern. Havel schreibt: \u201eWenn der Hauptpfeiler des Systems das Leben in der L\u00fcge ist, dann ist es nicht \u00fcberraschend, dass die grundlegende Bedrohung des Systems das Leben in der Wahrheit ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Um das zu erl\u00e4utern, skizziert Havel in seinem Buch die fiktive Situation eines Gem\u00fcseh\u00e4ndlers, der in sein Schaufenster ein Schild mit der kommunistischen Parole \u201eProletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch!\u201c h\u00e4ngt. Dieser Gem\u00fcseh\u00e4ndler glaubt nicht an diese Parole, aber er befolgt sie, aus Angst, aus sozialem Druck, aus Gleichg\u00fcltigkeit, weswegen auch immer. Er lebt mit der L\u00fcge und st\u00e4rkt sie dadurch, er l\u00e4sst sie sozusagen zur Wahrheit werden. Aber was, wenn er eines Tages entscheidet, nicht mehr mit und in der L\u00fcge zu leben? Was passiert, wenn er das Schild aus dem Schaufenster nimmt? Sein Denken und sein Handeln wird sich sukzessive ver\u00e4ndern und somit auch das Denken und Handeln seines pers\u00f6nlichen Umfelds.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Antipolitische Politik\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben in der Wahrheit besteht also zun\u00e4chst nicht aus politischer Aktivit\u00e4t, sondern aus \u201eantipolitischer Politik\u201c, wie es Havel nennt, also einem Leben, das sich der allgegenw\u00e4rtigen Einflussnahme des Politischen verweigert. Es ist ein Kennzeichen des Totalitarismus, jeden Aspekt des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens zu politisieren. Dies nicht mitzutragen, wird nat\u00fcrlich vom Vertreter des Totalitarismus politisiert und der Repression oder Verfolgung preisgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber genau indem man diesem Druck standh\u00e4lt und die Politisierung des eigenen Handelns oder eben Nicht-Handelns zur\u00fcckweist, weist man auch den totalit\u00e4ren Zugriff auf das eigene Leben zur\u00fcck. Zwar ist dies mit Opfern verbunden, kann jedoch eine gro\u00dfe Wirkung auf andere haben. Dieses Verhalten wird schlie\u00dflich zum Vorbild und findet Nachahmer.<\/p>\n\n\n\n<p>D.h. am Anfang des Widerstands gegen den Totalitarismus steht nicht notwendigerweise politische Aktivit\u00e4t, sondern der Wille des Einzelnen, ein im eigentlichen Sinne gutes Leben zu f\u00fchren. Dieses gute Leben zeigt sich im Umgang mit dem N\u00e4chsten, in der Art, wie man wirtschaftlich handelt und konsumiert, wie man seine religi\u00f6sen Pflichten erf\u00fcllt, wie man sich sozial engagiert. Dieses vorpolitische Handeln des Einzelnen kann letztlich zu politischen Ver\u00e4nderungen f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Versuch des Einzelnen, in der Wahrheit zu leben, kann jedoch nur der erste Schritt sein. Es ist wichtig, gleichgesinnte Mitstreiter zu finden. Es ist ein Kennzeichen des Totalitarismus, die Vereinzelung voranzutreiben. Atomisierte Individuen bilden eine diffuse, unstrukturierte Masse, die leicht beherrscht werden kann \u2013 durch Repressionen des Staates, Manipulationen der Medien oder Konsumangebote der Gro\u00dfkonzerne.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesem Totalitarismus nicht zum Opfer zu fallen, muss der Einzelne seine Isolation \u00fcberwinden und die im Zuge der Moderne zerst\u00f6rten nat\u00fcrlichen Strukturen wiederherstellen. Die letzte und kleinste dieser Strukturen ist die Familie, die heute ebenfalls unter Beschuss steht. Das hei\u00dft im Gegenzug, dass der Wiederaufbau mit der Familie beginnen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Widerstandsnest gegen Totalitarismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anekdote unter tschechoslowakischen Oppositionellen besagt, dass der katholische Widerstand in der Slowakei aus der Untergrundkirche und in Tschechien aus der Familie Benda bestand. Tats\u00e4chlich war die Familie des Schriftstellers Vaclav Benda ein Leuchtturm f\u00fcr alle Dissidenten. Benda wohnte mit seiner Frau Kamila und ihren sechs Kindern in einer Wohnung in Prag, unweit vom Hauptsitz der Geheimpolizei StB. Benda konnte seine erhoffte akademische Karriere nicht vollziehen, da er sich geweigert hatte, der Kommunistischen Partei beizutreten. Wie Havel sa\u00df auch Benda von 1979 bis 1983 im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowie die Familie in normalen Zeiten die Keimzelle der Gesellschaft ist, so ist sie laut Benda im Totalitarismus die Keimzelle des Widerstandes. Diesem hohen Anspruch wurden er und seine Familie gerecht. In seiner Wohnung empfingen seine Frau und er regelm\u00e4\u00dfig andere Dissidenten vor oder nach ihren Verh\u00f6ren durch die nahgelegene Geheimpolizei.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hause Benda wurden die Dissidenten vorbereitet, gest\u00e4rkt, ermutigt. Manchmal sollen bis zu 20 Personen pro Tag die Wohnung besucht haben. Die Bendas \u00f6ffneten ihr Heim auch f\u00fcr zahlreiche Untergrundseminare. Bei ihnen wurden Vortr\u00e4ge gehalten, B\u00fccher gelesen und Diskussionsrunden durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Vorbild der Familie Benda<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In \u201eLive Not By Lies\u201c besucht Rod Dreher die Witwe Kamila und ihre sechs Kinder. Am Esstisch nennt die Familie f\u00fcnf Aspekte ihres Familienlebens, die ihren gemeinsamen Widerstand ausgemacht haben:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Die Eltern sind den Kindern ein Vorbild der Tapferkeit: Der Vater Vaclav erkl\u00e4rte den Kindern, dass es im Leben Dinge g\u00e4be, die gef\u00e4hrlicher seien als der Verlust der pers\u00f6nlichen Freiheit. Die Kinder wurden nicht in Ignoranz oder Indifferenz erzogen, sondern im Bewusstsein einer h\u00f6heren Aufgabe.<\/li><li>Die Kinder werden zu einem moralischen Leben erzogen: Die Mutter Kamila erkl\u00e4rt, wie wichtig es war, den Kindern von Beginn an und auf kindgerechte Weise beizubringen, worin der Unterschied zwischen Gut und B\u00f6se bestehe und wie man sich f\u00fcr das Gute entscheide und einsetze.<\/li><li>Kein Familienmitglied darf Angst davor haben, anders zu sein. Die Kinder wurden von klein auf daran gew\u00f6hnt, dass sie keine Mitl\u00e4ufer sind, dass sie bestimmte Dinge anders sehen und anders tun als bspw. ihre Klassenkameraden. H\u00e4tten sie ihre Kinder daran nicht gew\u00f6hnt, so die Mutter, h\u00e4tten sie dies sp\u00e4ter als zu belastend empfunden und w\u00e4ren der Propaganda zum Opfer gefallen.<\/li><li>Die Kinder werden darauf vorbereitet, sich f\u00fcr das Gute aufzuopfern: W\u00e4hrend Vaclav Benda im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, erhielt er vom Staat das verlockende Angebot, freizukommen, sollte er mit seiner ganzen Familie in den Westen emigrieren. Er berichtete in einem Brief seiner Frau davon, die ihm sofort zur\u00fcckschrieb, es sei besser, im Gef\u00e4ngnis zu bleiben, wenn er daf\u00fcr hier f\u00fcr das Gute k\u00e4mpfen k\u00f6nne. Dieses Opfer war den Kindern ein Beispiel daf\u00fcr, dass es gr\u00f6\u00dfere Dinge gab als das eigene Wohl.<\/li><li>Die Kinder werden als Teil einer gro\u00dfen Bewegung erzogen. Mutter Kamila erz\u00e4hlt: \u201eWir haben unsere Kinder in unsere K\u00e4mpfe eingebunden. Sie hatten das Gef\u00fchl, dass wir alle Mitglieder einer Gruppe sind und ein gemeinsames Ziel haben. Sie wurden in dem Bewusstsein erzogen, dass sie f\u00fcr eine gute Sache, f\u00fcr die Gerechtigkeit k\u00e4mpfen.\u201c<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Dieses Vorbild der katholischen Familie Benda ist h\u00f6chst aktuell. Die christliche Familie darf daher kein R\u00fcckzug ins Private bedeuten, sondern muss ein Zeichen des Widerspruchs und der Hoffnung sein. Wenn dies gelingt, w\u00e4chst die Familie \u00fcber sich hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Parallele Polis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das fruchtbare Wirken der Familie zieht Kreise und darauf erwachsen gesellschaftliche Strukturen, die den Totalitarismus abwehren und zugleich die Christenheit wieder aufbauen. Diesen Wiederaufbau beschreibt Vaclav Benda in seinem Essay von 1977 \u201eDie Parallele Polis\u201c. Benda kritisiert darin die weit verbreitete Illusion, man k\u00f6nne mithilfe von einigen Petitionen oder Demonstrationen ein totalit\u00e4res System einfach zum Einsturz bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz zu schweigen davon, dass man dadurch noch keinen positiven Gegenentwurf anbieten kann, ist es naiv zu glauben, Totalitarismus dr\u00fccke sich nur in Strukturen, Institutionen oder Personen aus. Gerade der heutige \u201eweiche Totalitarismus\u201c ist vielmehr ein geistiges und psychisches Ph\u00e4nomen, was nur durch ein langfristiges und kontinuierliches Einsickern und Ausbreiten von alternativen Ideen, Visionen, Bildern und Erz\u00e4hlungen ver\u00e4ndert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dies zu erreichen, schl\u00e4gt Benda den Aufbau von Parallelstrukturen vor. Er sagt, wenn die offiziellen Strukturen und Institutionen von den totalit\u00e4ren Ideen durchsetzt und wom\u00f6glich nicht zu ver\u00e4ndern sind, m\u00fcssen eigene Strukturen und Institutionen geschaffen werden. Man beginnt lokal und w\u00e4chst organisch. Man muss die N\u00e4he zu seiner Umgebung und den Menschen, die dort leben, pflegen, um zu verstehen, was ihre Bed\u00fcrfnisse sind, sodass diese wiederum \u00fcberzeugt werden k\u00f6nnen, sich trotz der drohenden Repressionen in diesen Strukturen zu engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Parallelstrukturen d\u00fcrfen kein \u201esafe space\u201c werden, in dem man einfach in Ruhe gelassen wird, sondern ein Mittel zum Wiederaufbau der christlichen Gesellschaft. W\u00fcrden sich die \u201eParallele Polis\u201c ihrer Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwohl entziehen, so w\u00e4re sie nach Benda nur \u201eirgendeine kultivierte Art des \u201aLebens in der L\u00fcge\u2018\u201c. Benda schl\u00e4gt vor, mit Parallelstrukturen f\u00fcr Bildung und Erziehung zu beginnen, woran er sich selbst auch beteiligte: Untergrundseminare, Studien- und Lesekreise, Vortragsveranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Wirken der Untergrundkirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die tschechoslowakische Untergrundkirche f\u00e4llt unter diese Parallelstrukturen: Ein wichtiges Beispiel ist der Jesuit P. Tomislav Kolakovic, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges voraussah, dass nach Kriegsende die Slowakei unter sowjetische Besatzung fallen w\u00fcrde. Bereits 1944 sammelte er daher junge Katholiken und gr\u00fcndete mit ihnen lokale Gebets- und Studienkreise. Die Bewegung, die daraus entstand, wurde \u201eRodina\u201c (\u201eDie Familie\u201c) genannt und war innerhalb nur eines Jahres an fast allen Schulen in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten zu finden. Die Mitglieder wurden unterrichtet und auf die Arbeit im Untergrund sowie Verh\u00f6re vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>1946 wurde P. Kolakovic verhaftet, zwei Jahre sp\u00e4ter kam die kommunistische Herrschaft \u00fcber die Tschechoslowakei und die Mehrheit der Mitglieder der \u201eRodina\u201c wurde ins Gef\u00e4ngnis geworfen. Nachdem jedoch die meisten von ihnen in den fr\u00fchen 1960er Jahren wieder entlassen wurden, nahmen sie ihre Arbeit wieder auf \u2013 mit Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Mitte der 1970er waren ihre Zellen fl\u00e4chendeckend in der Slowakei vertreten. Zu ihren meist geheimen Aktivit\u00e4ten z\u00e4hlten kleine Treffen in Privatwohnungen, Wallfahrten, der Aufbau von Informations- und Gesch\u00e4ftsnetzwerken sowie geheimer Druck und Verbreitung von Publikationen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Verborgenen ins \u00d6ffentliche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kerzendemonstration in Pressburg am 25. M\u00e4rz 1988 war schlie\u00dflich der entscheidende Punkt, an dem der Widerstand gegen die kommunistische Regierung \u00f6ffentlich und direkt politisch wurde. Nach dieser Demonstration folgten im gesamten Jahr viele weitere, bis diese \u201eSamtene Revolution\u201c zum Einsturz der CSSR f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich waren die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde g\u00fcnstig, war doch schlie\u00dflich der gesamte Ostblock kurz vor dem Zusammenbruch. Jedoch w\u00e4re es zu dieser ersten Kerzendemonstration im M\u00e4rz 1988 nie gekommen, h\u00e4tten Katholiken nicht \u00fcber Jahrzehnten hinweg am Aufbau lokaler Parallelstrukturen gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Ende der CSSR nicht zur Gr\u00fcndung eines katholischen Staates f\u00fchrte, so gibt doch das Beispiel des katholischen Widerstands in der Tschechoslowakei konstruktive Impulse, wie man als Einzelner, als Familie und als Gemeinschaft Widerstand gegen den heutigen \u201eweichen Totalitarismus\u201c leisten kann. Havel, Benda, Kolakovic &amp; Co. zeigen, welche M\u00f6glichkeiten selbst unter brutalen Repressionen bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Gott vertrauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der katholische Widerstand der Tschechoslowakei zeigt also vor allem ein Minimum an Aktivit\u00e4ten auf, die immer und \u00fcberall angestrebt werden sollten. Ausgehend von dieser notwendigen Basis k\u00f6nnen je nach Umst\u00e4nden noch weitere Wege beschritten werden. Der fr\u00fchzeitige Aufbau einer solchen Basis ist daher Absicherung und Vorbereitung, sodass man gewappnet und hoffnungsvoll in eine ungewisse Zukunft gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich h\u00e4ngt das gesamte Wirken von Gott ab: Silvester Krcmery, ein Sch\u00fcler von P. Kolakovic und Mitorganisator der \u201eRodina\u201c, beschreibt seinen 13 Jahre dauernden Gef\u00e4ngnisaufenthalt mit folgenden Worten: \u201eIn meinem Fall bedeutete es wirklich, in eine k\u00f6rperliche und geistige Ungewissheit zu st\u00fcrzen, in einen Abgrund, in dem nur der Glaube an Gott Sicherheit garantieren konnte. Die materiellen Dinge, die der Mensch als Gewissheit ansah, waren verg\u00e4nglich und illusorisch, w\u00e4hrend der Glaube, den die Welt als verg\u00e4nglich ansah, das zuverl\u00e4ssigste und st\u00e4rkste Fundament war. Je mehr ich mich auf den Glauben verlie\u00df, desto st\u00e4rker wurde ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Moritz Scholtysik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich Katholiken im Widerstand gegen eine ihnen feindlich gesinnte Macht befinden, ist nichts Neues. Die vergangenen 2000 Jahre sind voll von Beispielen. 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